- Beleglage:Leitlinie
- Status:Off-Label in Deutschland
Einstieg
Der Fahrplan: welche Behandlung wann bei kreisrundem Haarausfall
Die S3-Leitlinie ordnet ihre Empfehlungen nach Schweregrad und Alter. Wer die Systematik kennt, erkennt im Gespräch, an welcher Stelle er steht — und was als Nächstes kommt.
Quellenlage geprüft am 24. August 2026.
Die S3-Leitlinie zur Alopecia areata ist 176 Seiten lang und enthält rund achtzig Empfehlungen. Dahinter steht aber eine einfache Systematik. Wer sie kennt, weiß im Beratungsgespräch, an welcher Stelle er steht.
Die eine Zahl, die alles ordnet
Der SALT-Score misst den Anteil der haarlosen Kopfhaut:
| Schweregrad | SALT-Score |
|---|---|
| mild | unter 25 % |
| moderat | 25 bis 49 % |
| schwer | über 50 bis 75 % |
| sehr schwer | 76 bis 100 % |
Praktisch jede Empfehlung der Leitlinie ist nach diesen vier Zeilen aufgeschlüsselt — und zusätzlich nach Alter.
Aber: Der Score misst nur die Kopfhaut. Wer zusätzlich Augenbrauen, Wimpern oder Bart verliert, taucht in der Zahl nicht auf. Deshalb gehören diese Areale ausdrücklich zur Untersuchung, ebenso wie die Nägel.
Stufe 1: milder Befall
Topische Kortikosteroide stehen für alle Altersgruppen mit einer starken Empfehlung. Bei Jugendlichen und Erwachsenen sollen bevorzugt Substanzen der Wirkstoffklassen III bis IV nach Niedner mit hohem therapeutischem Index verwendet werden, bei Kindern der Klassen II bis III.
Intraläsionale Kortikosteroide — die Injektion in den Herd — kommen bei Erwachsenen hinzu und sind bei mildem und moderatem Befall die stärkste Empfehlung. Bei Kindern rät die Leitlinie über alle Schweregrade davon ab. Details: Kortison in die Kopfhaut.
Topische Calcineurin-Inhibitoren können bei Kindern und Jugendlichen mit allen Formen und bei Erwachsenen mit schwerer Form off label angeboten werden.
Minoxidil kann bei milder und moderater Form off label angeboten werden — siehe Minoxidil bei Alopecia areata.
Die beiden Zeitgrenzen
Sie gelten unabhängig vom Schweregrad und sind der Grund, warum man die Systematik kennen sollte:
Bei fehlendem Ansprechen sollte eine Behandlung mit topischen oder intraläsionalen Kortikosteroiden eine Behandlungsdauer von drei Monaten nicht überschreiten.
Bei Therapieansprechen sollte diese Therapie individualisiert mit einer maximalen Anwendungsdauer von zwölf Monaten fortgeführt werden.
Und die stärkste Formulierung der ganzen Leitlinie:
Bei unzureichendem Ansprechen auf eine topische oder systemische Therapie über einen Zeitraum von 6 Monaten soll das therapeutische Vorgehen reevaluiert und ein Wechsel auf eine alternative Therapie angeboten werden.
Stufe 2: wann systemisch
Fünf Situationen, in denen Erwachsenen eine systemische Therapie angeboten werden sollte:
- ab moderater Form bei ausbleibendem Ansprechen auf topische Optionen über sechs Monate
- bei schwerer bis sehr schwerer Form, die länger als sechs Monate besteht
- bei innerhalb von Tagen bis Wochen rasch fortschreitender Erkrankung
- ab moderater Form bei hohem Leidensdruck
- bei schwerer Nagelbeteiligung
Die Punkte 3, 4 und 5 sind unabhängig vom SALT-Score. Details: Wann eine systemische Therapie.
Stufe 3: die systemischen Optionen
| Option | Für wen |
|---|---|
| JAK-Inhibitoren | Erwachsene mit schwerer und sehr schwerer Form: sollte angeboten werden |
| systemische Kortikosteroide | Erwachsene, schwer und sehr schwer: sollte; moderat: kann. Gepulst, nicht kontinuierlich |
| Methotrexat | Erwachsene ab moderat: als Monotherapie kann, mit Kortikosteroiden sollte |
| Kontakt-Immuntherapie | ab moderat, als individueller Heilversuch |
| Ciclosporin A | nur bei schwerer Form mit rasch progredientem Verlauf, kurzzeitig |
Zur Einordnung: Die JAK-Inhibitoren sind die einzige systemische Option mit Zulassung für diese Indikation. Alles andere ist off label oder — bei der Kontakt-Immuntherapie — nicht einmal ein zugelassenes Arzneimittel.
Und der Haken, der nicht medizinisch ist: Die zugelassenen JAK-Inhibitoren sind verordnungs-, aber nicht erstattungsfähig. Siehe Lifestyle-Arzneimittel nach § 34 SGB V.
Was parallel dazugehört
Zwei Empfehlungen in der stärksten Form, unabhängig von Alter und Schweregrad: die Information über psychologische Unterstützung und über Selbsthilfeangebote. Siehe Haarausfall und Psyche.
Und wenn die Erkrankung ausgedehnt ist, gehört die Frage nach dem Haarersatz dazu — mit einer Rechtslage, die Männer anders behandelt als Frauen: Perücke auf Kassenkosten.
Was am Anfang steht
Vor allem Genannten: die Diagnose. Denn eine andere Form des Haarausfalls braucht eine völlig andere Behandlung. Siehe Haarausfall ist nicht gleich Haarausfall.