- Beleglage:Studienlage
- Status:In Deutschland zugelassen
Nebenwirkung
Abnehmspritzen und Haarausfall: was Fachinformation und Studie zeigen
Semaglutid und Tirzepatid führen Haarausfall als häufige Nebenwirkung. Eine BMJ-Kohortenstudie 2026 bestätigt ein erhöhtes Risiko — mit einer Einschränkung: untersucht wurden nur Typ-2-Diabetiker.
Quellenlage geprüft am 28. September 2026.
Wer nach „Ozempic” oder „Wegovy” auch nur einen Suchbegriff weiter tippt, landet fast zwangsläufig bei „Haarausfall”. Der Verdacht ist nicht neu, aber er war lange vor allem eines: ein Erfahrungsbericht in Foren. Seit 2026 lässt er sich an zwei Stellen nachlesen, die belastbarer sind als ein Forenpost — in den offiziellen Fachinformationen der Präparate und in einer im Juli 2026 im BMJ veröffentlichten Kohortenstudie.
Was in den Fachinformationen steht
Die Fachinformation von Wegovy® (Semaglutid, Novo Nordisk, Stand Juli 2026) führt Haarausfall in der Nebenwirkungstabelle unter der Kategorie „häufig” — das bedeutet laut der im Dokument selbst definierten Skala eine Häufigkeit zwischen 1 von 100 und 1 von 10 Behandelten. Konkret: In den vier gepoolten Phase-3a-Zulassungsstudien (STEP 1–4, 2.650 behandelte Erwachsene, 68 Wochen Studiendauer) berichteten 2,5 % der mit Semaglutid Behandelten über Haarausfall, gegenüber 1,0 % unter Placebo. In den sogenannten STEP-UP-Studien zur höchsten zugelassenen Dosis (7,2 mg) waren es 5,3 % gegenüber weiterhin 1,0 % unter Placebo. Die Fachinformation hält zwei Einordnungen ausdrücklich fest: Die Ereignisse waren „überwiegend von geringem Schweregrad” und bildeten sich „bei den meisten Patienten bei fortgesetzter Behandlung zurück” — und Haarausfall wurde häufiger bei Patienten mit einer größeren Gewichtsabnahme (ab 20 %) gemeldet.
Die Fachinformation von Mounjaro® (Tirzepatid, Lilly, Stand September 2026) listet Haarausfall ebenfalls in der Kategorie „häufig” — allerdings ohne eigene Prozentzahl in der Detailbeschreibung. Auffällig ist eine Fußnote, die im Dokument direkt an den Tabelleneintrag „Haarausfall” hängt: Sie erklärt diese Nebenwirkung zu einer, die laut Wortlaut „hauptsächlich auf Patienten mit Übergewicht oder Adipositas mit oder ohne T2DM [Typ-2-Diabetes mellitus] zutrifft” — also nicht auf die Zulassung bei Typ-2-Diabetes als solche. Das deckt sich mit der Erklärung, die für Semaglutid explizit genannt wird: Es geht nicht in erster Linie um den Wirkstoff selbst, sondern um das, was mit einer größeren Gewichtsabnahme einhergeht.
Die Kohortenstudie: reales Risiko bei Typ-2-Diabetikern
Über die in Zulassungsstudien gemeldeten Fälle hinaus untersuchte eine im BMJ veröffentlichte Studie (Tang et al., 2026) das Risiko anhand realer Behandlungsverläufe. Datengrundlage waren die elektronischen Patientenakten des Penn-Medicine-Gesundheitssystems (USA), Studiendesign: eine sogenannte Target Trial Emulation, die einen randomisierten Vergleich nachbildet, wo keiner stattgefunden hat. Eingeschlossen wurden ausschließlich erwachsene Patienten mit Typ-2-Diabetes, die zwischen Januar 2019 und September 2024 neu auf einen GLP-1-Rezeptoragonisten, einen SGLT-2-Hemmer oder einen DPP-4-Hemmer eingestellt wurden.
Die Ergebnisse nach statistischer Angleichung der Vergleichsgruppen:
- GLP-1-Rezeptoragonisten vs. SGLT-2-Hemmer (12.004 vs. 15.221 Patienten): Hazard Ratio 1,37 für Alopezie (95-%-Konfidenzintervall 1,08–1,73) — ein rechnerisch 37 % höheres Risiko.
- GLP-1-Rezeptoragonisten vs. DPP-4-Hemmer (11.964 vs. 11.238 Patienten): Hazard Ratio 1,68 (95-%-Konfidenzintervall 1,28–2,20) — ein rechnerisch 68 % höheres Risiko.
Bei der Aufschlüsselung nach Subtyp zeigte sich der Zusammenhang spezifisch für nicht-vernarbende Alopezie (Hazard Ratio 1,53 gegenüber SGLT-2-Hemmern, 1,72 gegenüber DPP-4-Hemmern) — also genau die Kategorie, zu der auch das telogene Effluvium gehört (siehe unten).
Drei Einschränkungen benennen die Autoren selbst, und sie gehören zur Einordnung dazu: Erstens war das absolute Risiko niedrig — die Studie macht daraus ausdrücklich keine Warnung vor der Therapie, sondern einen Hinweis, den behandelnde Ärzte kennen sollten. Zweitens schwächte sich der Zusammenhang ab, nachdem die Autoren ihn testweise gegen einen sogenannten negativen Kontrollendpunkt kalibrierten — ein Verfahren, mit dem sich prüfen lässt, ob ein Teil des gemessenen Effekts auf nicht erfasste Störfaktoren zurückgeht, statt auf den Wirkstoff selbst. Drittens wurde die Alopezie laut der Studie selbst über Diagnosecodes aus den Patientenakten erfasst, nicht durch eine eigene dermatologische Untersuchung der Teilnehmenden — Angaben zu Schweregrad oder Rückbildung im Einzelfall lässt das Studiendesign entsprechend nicht zu.
Um welche Form von Haarausfall es sich handelt
Sowohl die Formulierungen in den Fachinformationen (Rückbildung unter fortgesetzter Behandlung, Zusammenhang mit dem Ausmaß der Gewichtsabnahme) als auch die Subtyp-Auswertung der Kohortenstudie (nicht-vernarbende Alopezie) passen zu einem telogenen Effluvium: einem diffusen, meist vorübergehenden Haarausfall, bei dem ein äußerer Auslöser einen ungewöhnlich großen Anteil der Haarfollikel gleichzeitig und verfrüht in die Ruhephase des Haarzyklus schickt. Diese Form ist eine von mehreren, die unter „diffusem Effluvium” zusammengefasst werden — mit dem entscheidenden Unterschied zur anlagebedingten Alopezie, dass sie sich nach Wegfall des Auslösers in aller Regel von selbst zurückbildet.
Was daraus nicht folgt: dass jeder Haarausfall unter einer solchen Therapie automatisch ein telogenes Effluvium ist. Wer bereits eine anlagebedingte Veranlagung hat, kann durch denselben Auslöser auch eine schon vorhandene, aber bislang kaum sichtbare androgenetische Alopezie beschleunigt sichtbar werden sehen — beide Formen lassen sich am selben Kopf nur durch eine tatsächliche Untersuchung auseinanderhalten, nicht durch die Suche im Internet.
Was die Quellenlage nicht hergibt
Drei Lücken, die an dieser Stelle offen benannt werden, statt sie zu schätzen: Erstens untersuchte die BMJ-Kohortenstudie ausschließlich Menschen mit Typ-2-Diabetes — für die inzwischen mindestens ebenso große Gruppe, die diese Wirkstoffe ausschließlich zur Gewichtsreduktion ohne Diabetes einnimmt, liegen keine gesonderten Kohortenzahlen vor, nur die in den jeweiligen Gewichtsmanagement-Zulassungsstudien gemeldeten Einzelraten. Zweitens nennt die Mounjaro-Fachinformation für Haarausfall anders als die von Wegovy keine eigene Prozentzahl, sondern nur die Häufigkeitskategorie „häufig” — ein Vergleich der beiden Wirkstoffe auf Zahlenebene ist damit nicht möglich. Drittens liegen keine nach Geschlecht getrennten Zahlen vor; eine belastbare Aussage speziell für Männer lässt sich aus den vorliegenden Quellen nicht ableiten.
Wer unter einer GLP-1-Therapie Haarausfall bemerkt, findet den passenden Einstieg in die Abklärung unter Der erste Termin beim Haarausfall — und die Unterscheidung der drei Grundformen unter Haarausfall ist nicht gleich Haarausfall.