Lexikon · Klinik
Telogenes Effluvium
Diffuser, meist vorübergehender Haarausfall: Ein Auslöser schickt einen ungewöhnlich großen Anteil der Haarfollikel gleichzeitig und verfrüht in die Ruhephase des Haarzyklus.
Auch: Telogen Effluvium · TE
Der Mechanismus
Der Haarzyklus läuft in drei Phasen ab: Anagen (aktives Wachstum, im Mittel zwei bis fünf Jahre, rund 90 % aller Kopfhaare), Katagen (Übergangsphase mit programmiertem Zelltod, drei bis sechs Wochen) und Telogen (Ruhephase, drei bis fünf Monate, rund 10 % aller Kopfhaare). Beim telogenen Effluvium verschiebt ein Auslöser dieses Gleichgewicht: Ein deutlich größerer Anteil der Follikel als üblich wechselt gleichzeitig und vorzeitig in die Ruhephase. Sichtbar wird das erst am Ende dieser Phase, wenn die betroffenen Haare ausfallen.
Zeitlicher Verlauf
Das akute telogene Effluvium zeigt sich typischerweise zwei bis drei Monate nach dem auslösenden Ereignis — der Abstand ist Teil der Definition und erschwert oft, den eigentlichen Auslöser zu erkennen. Es dauert laut der ausgewerteten Übersichtsarbeit unter sechs Monaten, mit Rückbildung in rund 95 % der Fälle. Hält der Haarausfall länger als sechs Monate an, spricht man vom chronischen telogenen Effluvium; diese Form betrifft überwiegend Frauen mittleren Alters und kann eine gezielte Abklärung erfordern.
Auslöser
Die Übersichtsarbeit nennt als häufige Auslöser: bestimmte Arzneimittel (unter anderem orale Kontrazeptiva, Betablocker, ACE-Hemmer), körperliche Traumata, hohes Fieber und Geburt, erhebliche emotionale Belastung, Schilddrüsenerkrankungen, chronische Systemerkrankungen, Mangel an Eiweiß, Fettsäuren oder Zink sowie starke UV-Exposition. Neuer und in dieser Übersichtsarbeit noch nicht erfasst: GLP-1-Rezeptoragonisten wie Semaglutid und Tirzepatid, deren Fachinformationen Haarausfall inzwischen als häufige Nebenwirkung führen.
Abgrenzung zu anderen Formen
Zur Alopecia areata besteht der wichtigste Unterschied im Verteilungsmuster: Diese verläuft entzündlich und meist umschrieben mit scharf begrenzten Herden, das telogene Effluvium diffus über die gesamte Kopfhaut. Zur androgenetischen Alopezie liegt der Unterschied im Haarschaft selbst: Bei ihr verengen sich die Follikel über Jahre (Miniaturisierung), beim telogenen Effluvium bleibt der Haarschaft normal dick. Ein modifizierter Haarzupftest kann beide Formen laut der Übersichtsarbeit orientierend unterscheiden: über 100 ausgezupfte Haare und ein Vellushaar-Anteil unter 10 % sprechen für ein telogenes Effluvium, weniger als 100 ausgezupfte Haare bei einem Vellushaar-Anteil über 10 % eher für eine androgenetische Alopezie.