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Leitlinie

Neurodermitis: was die S3-Leitlinie von 2026 zu Basis- und Lokaltherapie sagt

Die AWMF-Leitlinie zur atopischen Dermatitis, Stand Juni 2026: Stufenplan, Basistherapie mit Emollienzien, Steroide und Calcineurin-Inhibitoren, proaktive Behandlung — und was darin nicht steht.

Von der GLABRIO-Redaktion4 Min. Lesezeit

Quellenlage geprüft am 22. Oktober 2026.

Die deutsche Leitlinie zur Neurodermitis (atopische Dermatitis, AD) trägt auf ihrem Titelblatt den Stand 29.06.2026 und eine Gültigkeit bis 15.06.2028. Es ist eine S3-Leitlinie. Dieser Beitrag gibt wieder, was sie zur Grundversorgung und zur Lokaltherapie sagt. Systemische Therapien (Biologika, JAK-Hemmer, Ciclosporin) und Kinderkapitel hat die Redaktion hier nicht ausgewertet. Der Text ersetzt keine ärztliche Beratung, und eine ärztliche Prüfung hat nicht stattgefunden.

Woher die Leitlinie kommt

Laut Methodenteil ist sie eine Adaptierung der europäischen EuroGuiDerm-Leitlinie zum atopischen Ekzem (Wollenberg et al.), ergänzt um Inhalte der deutschen S2k-Vorversion von 2015. Einige Abschnitte wurden aus Vorversionen unverändert übernommen. Angestrebt ist eine fortlaufende Aktualisierung (“living guideline”) in Anbindung an die europäische Leitlinie.

Ein vorgezogenes Teilupdate 2025 betraf die Kapitel zur Intervall- und Langzeittherapie mit Biologika und mit JAK-Inhibitoren sowie zu Schwangerschaft, Stillzeit und Kinderwunsch. Anlass waren laut Leitlinie Neuzulassungen (Lebrikizumab, Nemolizumab) und Zulassungserweiterungen (Abrocitinib ab 12 Jahren, Baricitinib ab 2 Jahren). Dazu kam ein Kapitel zu Therapiezielen (“Treat-to-Target”) bei Systemtherapien.

Der Stufenplan

Die Leitlinie empfiehlt mit starker Empfehlung (↑↑, konsensbasiert, 10/10), dass eine an die klinische Ausprägung angepasste Stufentherapie erfolgt. Das Stufenschema selbst sei nur ein Anhaltspunkt, der nach Lebensalter, Verlauf, Lokalisation und Leidensdruck anzupassen ist. Aus den Fußnoten:

  • Erstlinie ist in der Regel ein topisches Glukokortikosteroid (TCS). Bei Unverträglichkeit oder Nichtwirksamkeit sowie an besonderen Lokalisationen (Gesicht, Hautfalten, Anogenitalbereich) kommen topische Calcineurin-Inhibitoren (TCI) zum Einsatz.
  • UV-Therapie kann ab Stufe 3, besonders im Erwachsenenalter, angezeigt sein. Nicht kombiniert werden soll sie mit Ciclosporin oder topischen Calcineurin-Inhibitoren.
  • Antipruriginöse und antiseptische Zusätze können erwogen werden.

Basistherapie: die Pflege ist Behandlung

Die Leitlinie schlägt vor, statt von “Hautpflege” besser von Basistherapie der gestörten Hautbarrierefunktion zu sprechen. Eine gestörte Barriere und trockene Haut gelten als charakteristisches Merkmal der AD; zu den bekanntesten Anomalien zählt die Filaggrin-Mutation (siehe Filaggrin und Hautbarriere).

Die Empfehlungen im Einzelnen (jeweils konsensbasiert, Zustimmung 100 %):

  • Soll: Emollienzien bedarfsgerecht und regelmäßig anwenden — auch im schubfreien Intervall, um Schüben vorzubeugen.
  • Soll: Emollienzien unmittelbar nach Baden oder Duschen auftragen, nach Trockentupfen der Haut.
  • Soll: schonende Reinigung; sollte Bäder und Duschen möglichst kurz und mit mäßig warmem Wasser.
  • Sollte nicht: alkalische Seifen. Der pH-Wert von Reinigungsprodukten sollte laut Text zwischen 5 und 6 liegen.
  • Sollte: Körperpflegeprodukte ohne relevante Reizstoffe oder Kontaktallergene; die Zusammensetzung individuell anpassen — im Sommer hydrophilere Cremes, im Winter höherer Fettgehalt.

Aus dem Hintergrundtext: Ein systematischer Review habe nicht gezeigt, dass tägliches Baden oder Duschen mit einer höheren Krankheitsschwere einhergeht; von Baden oder Duschen solle deshalb nicht abgeraten werden. In einer kleinen randomisierten Studie zeigte sich zwischen zweimal wöchentlichem und täglichem Baden kein Unterschied. Zur Menge nennt die Leitlinie die Fingertip-Einheit (rund 0,5 g, genug für zwei Handflächen, etwa 2 % der Körperoberfläche) und einen Bedarf von oft bis zu 250–500 g pro Woche. Reine Öle wie Kokos- oder Olivenöl statt Emulsionen trockneten die Haut aus und erhöhten den transepidermalen Wasserverlust.

Ein Cochrane-Review, den die Leitlinie zitiert, fand bei Moisturizer-haltigen Externa eine bessere Wirkung als ohne Moisturizer (Schweregrad nach Prüfarzturteil, Schübe, Steroidbedarf). Für “Emollienzien plus” (Zusätze wie Licochalcon A oder bakterielle Lysate) nennt sie nur kleinere kontrollierte Studien und Beobachtungsstudien. Das sind keine Arzneimittel und brauchen keine Zulassung.

Zur Kostenfrage schreibt die Leitlinie: Ab 12 Jahren sind Emollienzien grundsätzlich nicht verschreibungspflichtig beziehungsweise nicht erstattungsfähig, weshalb sie oft nur eingeschränkt eingesetzt würden.

Antientzündlich lokal: Steroide, Calcineurin-Inhibitoren, proaktiv

Als topische antientzündliche Wirkstoffe sind laut Leitlinie in Europa Glukokortikosteroide und Calcineurin-Inhibitoren zugelassen. Eine wirksame Lokaltherapie hängt von drei Grundprinzipien ab: ausreichende Stärke, ausreichende Dosierung und korrekte Anwendung.

  • Soll: TCI bei Nichtansprechen oder Kontraindikationen von TCS (↑↑, konsensbasiert, 13/13).
  • Soll: proaktive Therapie, in der Regel zweimal wöchentlich mit einem geeigneten TCS oder TCI, um das Rezidivrisiko zu senken (↑↑, konsensbasiert, 12/12).

Proaktiv heißt: Nach dem Abklingen der sichtbaren Entzündung wird der Wirkstoff nicht abgesetzt, sondern in festgelegtem Rhythmus auf die zuvor entzündeten Stellen aufgetragen, kombiniert mit großzügiger täglicher Emollienzien-Anwendung am ganzen Körper. Die Dauer richtet sich nach Schweregrad und Beständigkeit der Erkrankung. Für Erwachsene nennt die Leitlinie eine 12-monatige proaktive Behandlung mit 0,1 %iger Tacrolimus-Salbe, deren Schubprophylaxe ähnlich wirkte wie TCS der Klasse III; proaktive Behandlung ging mit weniger Schüben und besserer Lebensqualität einher.

TCI sind laut Text Erstlinie an empfindlichen Hautbereichen, wo TCS wahrscheinlich Nebenwirkungen verursachen, oder wo diese bereits aufgetreten sind. Ihre Wirksamkeit gegenüber Vehikel sei für die Kurzzeitanwendung (drei Wochen) und bis zu einem Jahr belegt. Wirkstoffprofile: Tacrolimus, Pimecrolimus, topische Glukokortikoide.

Was hier nicht steht

  • Keine Aussage zu Systemtherapien: Dazu zählen Dupilumab, Tralokinumab, Abrocitinib und Nemolizumab. Sie haben eigene Beiträge; deren Einordnung in die 2026er-Fassung hat die Redaktion nicht geprüft.
  • Keine Aussage zu Dosierungen und Wirkstärkeklassen einzelner Präparate; die entsprechenden Tabellen wurden nicht übernommen.
  • Ob die Leitlinie Aussagen speziell zu Männern trifft, hat die Redaktion nicht geprüft.
  • Rasur, Bart und Gesichtspflege bei Neurodermitis: nicht Gegenstand der gelesenen Abschnitte.
  • Das Titelblatt zitiert die Leitlinie noch mit der Jahreszahl 2023 und nennt daneben Stand 29.06.2026; die Redaktion hat diese Uneinheitlichkeit nicht aufgelöst. Maßgeblich ist die Registerseite.

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