- Beleglage:Leitlinie
Leitlinie
Vitiligo: was die neue S2k-Leitlinie von 2026 empfiehlt
Die AWMF-Leitlinie zur Vitiligo wurde im Juli 2026 zur S2k-Leitlinie hochgestuft. Was sie zu Ruxolitinib-Creme, Excimer-Licht und Begleitdiagnostik sagt — und was sie offenlässt.
Quellenlage geprüft am 21. Oktober 2026.
Die Leitlinie zur Vitiligo hat im Sommer 2026 einen Schritt gemacht: Aus der S1-Leitlinie von 2022 ist eine S2k-Leitlinie geworden, also eine mit formalem Konsensverfahren. Beteiligt waren laut Leitlinie neun Fachgesellschaften sowie die größte deutsche Patientenorganisation. Dieser Beitrag fasst zusammen, was die Empfehlungen aussagen. Er ersetzt keine ärztliche Beratung, und eine ärztliche Prüfung dieses Textes hat nicht stattgefunden.
Was Vitiligo ist
Die Leitlinie beschreibt Vitiligo als häufige, chronische Erkrankung des Pigmentsystems der Haut mit weißen Flecken. Die nicht segmentale Vitiligo, der häufigste Subtyp, wird übereinstimmend als Autoimmunerkrankung aufgefasst, die Pigmentzellen (Melanozyten) zerstört. Die Leitlinie nennt dafür eine Kombination aus genetischer Veranlagung, oxidativem Stress und immunvermittelter Zerstörung. Als zentral gilt ein Signalweg über Interferon-γ und JAK/STAT — das ist der Grund, warum JAK-Hemmer hier überhaupt eine Rolle spielen.
Die Erkrankung kann laut Leitlinie zu Stigmatisierung, eingeschränkter Lebensqualität und psychosozialen Störungen führen.
Die Kernempfehlungen
Aus der Übersicht der Leitlinie:
- Die Einteilung in nicht segmentale, segmentale und nicht klassifizierbare Vitiligo soll erfolgen, weil sie für Prognose und Therapieplanung gebraucht wird.
- Die befallene Körperoberfläche sollte in Prozent gemessen werden; der Verlauf erlaubt die Unterscheidung stabil, aktiv, rapide progressiv.
- TSH und anti-TPO-Antikörper sollen einmalig bei Diagnosestellung bestimmt werden, wegen der ausgeprägten Assoziation mit der Autoimmunthyreoiditis.
- Ein Screening auf psychosoziale Belastung sollte in die Routineversorgung integriert werden, ebenso die Erfassung der Lebensqualität und ein Screening auf Angststörung und depressive Symptomatik.
- Für Patienten ab 12 Jahren mit nicht segmentaler Vitiligo und sichtbarer Gesichtsbeteiligung soll Ruxolitinib-Creme als Erstlinientherapie angeboten werden (Empfehlung „neu/2026“, starker Konsens).
Wie solche Formulierungen zu lesen sind, steht in Empfehlungsstärke.
Ruxolitinib-Creme
Die Leitlinie nennt Ruxolitinib-Creme (1,5 %) seit der EMA-Zulassung im April 2023 die erste speziell für Vitiligo zugelassene Therapie. Zu den Zahlen, die sie aus den beiden Phase-III-Studien TRuE-V1 und TRuE-V2 (674 Personen) zitiert:
- Nach 52 Wochen erreichten 50,3 % bei Gesichtsvitiligo ein F-VASI75-Ansprechen (75 % Repigmentierung im Gesicht), rund 30 % ein F-VASI90-Ansprechen.
- In den Verlängerungsstudien (weitere 52 Wochen) stieg der Anteil mit F-VASI75 bis Woche 104 auf 66 %. Die Leitlinie nennt selbst Einschränkungen dieser Verlängerung: Crossover-Design ohne Fallzahlplanung, höhere Abbruchrate im Absetzarm, möglicherweise nachlassende Therapietreue im zweiten Jahr.
- Häufigste Nebenwirkungen: akneiforme Hautveränderungen (5,9 % und 5,7 %) und leichter Juckreiz (5,0 % und 5,3 %); in den Zulassungsstudien führte beides in keinem Fall zum Therapieabbruch.
- Nach Absetzen behielten Personen mit F-VASI90 nach einem Jahr ihre Repigmentierung im Mittel über 6,5 Monate; knapp 29 % fielen im zweiten Jahr unter F-VASI75 zurück. Bei Wiederaufnahme erreichten 75 % nach drei Monaten erneut F-VASI75.
Praktische Angaben, die die Leitlinie unter Verweis auf die Fachinformation macht: zweimal täglich, höchstens auf 10 % der Körperoberfläche gleichzeitig; in Schwangerschaft und Stillzeit kontraindiziert; nicht auf Schleimhäute; Abbruch, wenn nach 52 Wochen keine mindestens 25-prozentige Repigmentierung der behandelten Herde eingetreten ist. Regelmäßige Hautuntersuchungen unter Dauertherapie sollten erfolgen.
Die Leitlinie betont, dass wie bei allen repigmentierenden Therapien nur eine längere Behandlung aussichtsreich ist. Kopf und Hals sprechen am besten an, Hände und Füße zuletzt. Der Zulassungsrahmen in der EU im Vergleich zu den USA ist in Opzelura: dieselbe Creme, zwei verschiedene Zulassungen beschrieben; den Wirkstoff selbst erklärt der Eintrag Ruxolitinib (topisch).
Excimer-Licht und andere gezielte Phototherapie
Gezielte Phototherapie mit Excimer-Laser oder -Lampe kann bei segmentaler Vitiligo und bei stabiler, kleinflächiger nicht segmentaler Vitiligo in Erwägung gezogen werden (starker Konsens). Sie sollte mit topischen Therapien kombiniert werden. Die Leitlinie hält sie auch bei Kindern für möglich, weil die begrenzte Bestrahlungsfläche das Hautkrebsrisiko der Bestrahlung verringert.
Einzelne Angaben der Leitlinie dazu:
- Erste Repigmentierungen treten je nach Körperstelle zwischen der 3. und 20. Sitzung auf. Nach 24 bis 30 Sitzungen beziehungsweise sechs Monaten zeigte sich eine Repigmentierung von über 75 % im Mittel in 25 % der Herde; an Hand- und Fußrücken war das Ansprechen am schlechtesten.
- Es gibt kein standardisiertes Behandlungsprotokoll.
- Ein signifikanter Unterschied in der Repigmentierungsrate zwischen Excimer-Licht und Schmalband-UVB wurde nicht gefunden.
- Rezidivraten innerhalb von ein bis drei Jahren nach Excimer-Laser: 2,6 bis 15 %. Eine Nachuntersuchung bei Kindern nach durchschnittlich 3,4 Jahren fand Rückfälle bei 20 % im Gesicht, 60 % am Körper und 80 % an den Händen. Die Leitlinie nennt die Datenlage zu Rezidiven begrenzt.
- Eine erhöhte Hautkrebsrate in behandelten Arealen zeigen die vorliegenden Daten nicht.
- Excimer-Laser und -Lampe sind laut Leitlinie eine individuelle Gesundheitsleistung, die nur als Selbstzahlerleistung abgerechnet werden kann (GOÄ B567); die Ganzkörper-Schmalband-UVB-Therapie unterscheidet sich darin.
Zur Einordnung der Laser-Leitlinie im Bestand: Der Eintrag Vitiligo — Excimer-Laser stützt sich auf die Lasertherapie-Leitlinie von 2022, in der dieses Verfahren nur 67 Prozent Zustimmung erreichte. Die neue Vitiligo-Leitlinie bewertet gezielte Phototherapie mit starkem Konsens, aber ebenfalls nur mit „kann erwogen werden“. Hinweise zur Wellenlänge: Wellenlänge.
Was sonst genannt wird
- Topische Kortikosteroide und Calcineurinhemmer (Tacrolimus) sind in der Leitlinie als etablierte Optionen beschrieben; in direkten Vergleichen und Metaanalysen war die durchschnittlich erreichbare Repigmentierung mit 0,1 % Tacrolimus vergleichbar mit der unter 0,05 % Clobetasol und unter intensiv gepulstem Breitband-UVB-Licht. Der Wirkstoff-Eintrag: Tacrolimus.
- Biologika: Für ihren Einsatz bei Vitiligo gibt es laut Leitlinie derzeit keine ausreichende Evidenz. Eine große koreanische Studie fand unter anti-TNF-Biologika ein erhöhtes Risiko für Verschlechterung oder Neuauftreten von Vitiligo (Hazard Ratio 1,99).
- Antioxidantien und pflanzliche Wirkstoffe: Als Monotherapie ist die Studienlage laut Leitlinie nicht gut.
- Depigmentierung verbleibender pigmentierter Haut bei sehr ausgedehnter Vitiligo: Die Leitlinie beschreibt hochkonzentriertes Monobenzon (20 % und mehr), das irreversibel wirkt, häufig Kontaktekzeme verursacht und lebenslangen strengen Sonnenschutz erfordert. Es ist auf dem deutschsprachigen Markt als Arzneiprodukt nicht verfügbar. Für kleinere Areale nennt sie Laser (532 bis 755 nm), Kryotherapie oder Trichloressigsäure. Das ist ein Eingriff in die Pigmentierung der ganzen Haut und gehört in fachärztliche Hände.
- Camouflage: Beratung zu Camouflage- oder Korrektur-Make-up durch professionelle Visagisten kann das Leben erheblich verbessern und sollte von der Hautärztin oder dem Hautarzt als Teil der Behandlungsstrategie angesprochen werden. Über Sonnenschutz und die erhöhte Sonnenempfindlichkeit depigmentierter Haut muss informiert werden; dazu Sonnenschutz: was die Leitlinie sagt.
Was die Leitlinie nicht verspricht
Die Leitlinie unterscheidet ausdrücklich zwischen Stabilisierung der Erkrankung und Repigmentierung und rät, diesen Unterschied den Betroffenen zu erklären. Ob und wie weit Repigmentierung gelingt, hängt stark von der Körperstelle ab. Frühe Behandlung gilt als wichtig; Unterbehandlung ist laut Leitlinie verbreitet.
Lücken dieses Beitrags
Nicht ausgewertet wurden hier die chirurgischen Verfahren (Transplantation), die Kinderkapitel und die Details zu Kombinationen. Preise und Kassenleistung von Ruxolitinib-Creme nennt dieser Beitrag nicht, da sie in der Leitlinie nicht beziffert sind. Die Leitlinie weist darauf hin, dass sich die Verordnungspraxis zwischen Deutschland, Österreich und der Schweiz unterscheiden kann.