- Beleglage:Leitlinie
- Status:Off-Label in Deutschland
Analyse
Wenn das Kind kreisrunden Haarausfall bekommt
Bei Kindern gelten fast überall andere Empfehlungen als bei Erwachsenen — und bei zwei verbreiteten Verfahren rät die Leitlinie ausdrücklich ab.
Aktualisiert am 1. Oktober 2026. Quellenlage geprüft am 1. Oktober 2026.
Die Diagnose trifft Eltern oft härter als das Kind. Die deutsche S3-Leitlinie zur Alopecia areata behandelt Kinder und Jugendliche durchgehend als eigene Gruppe — und die Empfehlungen weichen an vielen Stellen von denen für Erwachsene ab.
Was ausdrücklich nicht angeboten werden soll
PRP — die Injektion von Eigenblutbestandteilen — trägt hier die stärkste Negativform:
Kindern und Jugendlichen soll die Anwendung von PRP zur Behandlung einer AA nicht angeboten werden.
Begründet mit den multiplen Injektionen, der Schmerzhaftigkeit und der fehlenden Wirksamkeitslage; randomisierte Studien im Kindesalter fand die Literatursuche gar nicht erst. Siehe PRP gegen Haarausfall.
Intraläsionale Kortikosteroide — also die Injektion in den Herd — sind bei Kindern über alle Schweregrade nicht empfohlen, während sie bei Erwachsenen mit mildem und moderatem Befall die stärkste Empfehlung tragen. Siehe Kortison in die Kopfhaut.
Prostaglandin-F2α-Analoga auf der Kopfhaut und topische JAK-Inhibitoren sind für alle Altersgruppen in der stärksten Form abgelehnt.
Was empfohlen wird
Topische Kortikosteroide, allerdings in einer anderen Stärke als bei Erwachsenen:
Zur topischen Therapie der AA im Bereich der Kopfhaut mit Kortikosteroiden sollen bei Kindern bevorzugt Substanzen der Wirkstoffklassen II–III (nach Niedner) mit einem hohen therapeutischen Index angewandt werden.
Bei Jugendlichen und Erwachsenen sind es die Klassen III bis IV.
Topische Calcineurin-Inhibitoren können Kindern und Jugendlichen mit allen Formen im Off-Label-Use angeboten werden.
Minoxidil bei milder und moderater Form — mit dem Hinweis, dass wegen der möglichen systemischen Aufnahme für Kinder und Jugendliche die 2-prozentige Lösung empfohlen wird. Die Leitlinie nennt aus einer Übersichtsarbeit generalisierte Hypertrichose bei 11 Prozent (1 von 9) und Arrhythmien bei 33 Prozent (3 von 9) — bei sehr kleinen Fallzahlen. Und: Weil es sich um eine Off-Label-Anwendung handelt, ist eine schriftliche Aufklärung der Eltern mit Einverständniserklärung einzuholen. Siehe Minoxidil bei Alopecia areata.
Dithranol kann bei allen Formen off label angeboten werden — hier trägt die Empfehlung für Kinder sogar starken Konsens, während sie bei Erwachsenen nur Konsens erreichte. Siehe Dithranol.
Systemisch: nur im Einzelfall
Bei Kindern mit AA sollte eine systemische Therapie in ausgewählten Einzelfällen, nach besonderer Abwägung von Nutzen und Risiken, erfolgen.
Bei Jugendlichen ist die Schwelle konkreter gefasst: ab moderater Form mit hohem Leidensdruck und ausbleibendem Ansprechen auf topische Optionen über sechs Monate, bei schwerer bis sehr schwerer Form ab einem Bestehen von mehr als sechs Monaten, oder bei rasch fortschreitendem Verlauf.
Wenn systemisch, dann ist der Zulassungsstatus die entscheidende Grenze: Ritlecitinib ist EU-weit ab zwölf Jahren zugelassen; Baricitinib war zum Zeitpunkt der Leitlinie auf Erwachsene begrenzt und nennt inzwischen laut aktueller Fachinformation ebenfalls Jugendliche ab 12 (Einzelheiten). Die Leitlinienempfehlung für Jugendliche steht ausdrücklich unter dem Vorbehalt „bei entsprechender Zulassung in Hinblick auf die Altersgruppe”.
Ein Hinweis der Experten dazu: Jugendliche ohne Windpocken-Anamnese werden vor einer JAK-Therapie gegen Windpocken geimpft.
Was die Leitlinie über die Belastung sagt
Der Abschnitt ist deutlich. Bei Kindern mit Alopecia areata zeigen Studien im Vergleich zu Gleichaltrigen eine Zunahme von Trennungsangst und sozialer Angststörung. Berichtet werden Mobbing, geringes Selbstwertgefühl, erhöhter Stress in Beziehungen und in der Schule sowie soziale Isolation.
Die Hälfte der Kinder mit einer AA hat angegeben, dass sie aufgrund des durch ihre Krankheit verursachten Stresses die Schule versäumten und schlechte schulische Leistungen erbrachten.
Und eine Untersuchung im Vorschul- und Grundschulalter fand, dass gesunde Mitschülerinnen und Mitschüler Kinder mit Alopecia areata als „krank” oder „sterbend” wahrnehmen können.
Deshalb gilt auch hier die Empfehlung in der stärksten Form: Information über psychologische Unterstützung und über Selbsthilfeangebote — unabhängig vom Alter. Siehe Haarausfall und Psyche.
Und beim Haarersatz
Ein praktischer Punkt, der Eltern häufig nicht bekannt ist: Nach dem Hilfsmittelverzeichnis der gesetzlichen Krankenversicherung haben Kinder und Jugendliche bei vorliegender Indikation bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres Anspruch auf Versorgung mit Haarersatz — geschlechtsunabhängig. Erst danach unterscheidet das Verzeichnis. Die Einzelheiten: Perücke auf Kassenkosten.
Eine Versorgung erfolgt allerdings in jedem Fall erst nach Genehmigung durch die Krankenkasse. Der Antrag ist also der erste Schritt.