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Nahrungsergänzung bei Haarausfall: was tatsächlich geprüft wurde

Für acht der beworbenen Substanzen gibt es laut Leitlinie keine klinischen Belege. Für eine gibt es eine überraschend klare Studie — und einen formalen Unterschied, den man kennen sollte.

Von der GLABRIO-Redaktion3 Min. Lesezeit

Quellenlage geprüft am 24. August 2026.

Kaum ein Markt ist so groß wie der für Haarvitamine — und kaum einer ist so schlecht belegt. Die deutsche S3-Leitlinie zur Alopecia areata hat die Frage systematisch geprüft und beantwortet sie in einem Statement.

Die Antwort

Auf der Basis der identifizierten Evidenz kann die Leitliniengruppe keine Empfehlung für die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln zur Behandlung der AA bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen aussprechen.

Starker Konsens, evidenzbasiert.

Der Unterschied, der den Markt erklärt

Die Leitlinie erklärt in zwei Sätzen, warum es so viele Produkte gibt und so wenige Belege:

Nahrungsergänzungsmittel enthalten Vitamine und/oder Mineralstoffe, welche eine ernährungsspezifische oder physiologische, allerdings keine arzneiliche Wirkung haben. Sie unterliegen nicht dem Arzneimittelrecht und deren Wirkung sowie Sicherheit muss nicht in einem Zulassungsverfahren belegt werden.

Wer ein Arzneimittel auf den Markt bringt, muss Wirkung und Sicherheit nachweisen. Wer ein Nahrungsergänzungsmittel verkauft, muss das nicht. Das ist kein Skandal, sondern die Rechtslage — aber es erklärt, warum die Werbeaussagen und die Studienlage so weit auseinanderliegen.

Zur Systematik: Zulassung und CE-Kennzeichnung und Fachinformation — Letztere gibt es bei Nahrungsergänzung gar nicht.

Was geprüft wurde

Die Leitlinie stützt sich auf einen Review, der die gängigen Substanzen durchgegangen ist. Das Ergebnis:

Keine klinischen Beweise für die Verwendung als orales Nahrungsergänzungsmittel bei Haarausfall:

  • Vitamin A
  • Vitamin D
  • Biotin
  • Niacin
  • Selen
  • Ashwagandha
  • Curcumin
  • Capsaicin

Biotin ist dabei die auffälligste Zeile — es ist der meistbeworbene Wirkstoff dieser Produktkategorie.

Schwache Belege gibt es für Vitamin C und Eisen — allerdings mit einer Bedingung: bei AA-Betroffenen mit Eisenmangel. Also nicht als Vorsorge, sondern als Behandlung eines nachgewiesenen Mangels.

Und für Menschen mit einer nicht näher bestimmten Form der Alopezie nennt der Review einen möglichen Nutzen von Vitamin E und Zink.

Der eine Befund, der aus der Reihe fällt

Für Zink führt die Leitlinie eine konkrete Studie an — eine Cross-over-Studie mit 100 Personen mit leichter, umschriebener Alopecia areata, Durchschnittsalter 22 Jahre:

Gruppevollständiges Nachwachsen nach drei Monaten
Zinksulfat 5 mg/kg Körpergewicht pro Tag59,45 %
Kontrollgruppe10 % (3 Personen)

Und: kein Rückfall in den folgenden drei Monaten unter Placebo. Als Nebenwirkung nennt die Leitlinie leichte Magenverstimmungen.

Das ist ein deutliches Ergebnis. Es ändert trotzdem nichts am Statement — eine einzelne Studie an einer eng umschriebenen Gruppe trägt keine Leitlinienempfehlung. Und es gilt ausdrücklich für die leichte, umschriebene Form, nicht für ausgedehnten Befall.

Was nicht hilft — und was das für die Diagnostik heißt

Die Leitlinie ordnet drei verbreitete Annahmen ein:

  • Eisenmangel hat keinen Einfluss auf die Entstehung einer Alopecia areata und steht in der Tabelle der Faktoren ohne prognostische Bedeutung für das Therapieansprechen.
  • Impfungen ebenso — weder als Auslöser noch als prognostischer Faktor.
  • Zu Vitamin-D-Mangel als prognostischem Faktor fand die Leitlinie überhaupt keine Studie, die ihren Einschlusskriterien genügte. Als Risikofaktor sind die Ergebnisse widersprüchlich: Eine Studie fand keine erhöhte Wahrscheinlichkeit (HR 1,08; 95-%-KI 0,68–1,73), eine andere eine 2,3-fach erhöhte — Letztere allerdings mit 23 Betroffenen und 20 Kontrollen.

Bemerkenswert dabei: Vitamin-D-Mangel ist die häufigste dokumentierte Begleiterkrankung bei Alopecia areata — 65,4 Prozent. Häufigkeit ist eben nicht Kausalität. Siehe Komorbiditäten bei Alopecia areata.

Was das Labor dazu sagt

Die Leitlinie empfiehlt bei Erwachsenen ausdrücklich, 25-OH-Vitamin-D nur bei spezifischer anamnestischer oder klinischer Indikation zu bestimmen — nicht als Routine. Details: Labordiagnostik bei Alopecia areata.

Die Einordnung

Nahrungsergänzung ist selten schädlich und selten wirksam. Wer einen nachgewiesenen Mangel hat, behandelt ihn — das ist unstrittig. Wer keinen hat, kauft nach der vorliegenden Datenlage vor allem Zuversicht.

Was bei schwerem Befall tatsächlich empfohlen wird: JAK-Inhibitoren. Bei umschriebenem Befall: die intraläsionale Kortikosteroid-Injektion. Und die vollständige Liste dessen, wovon die Leitlinie abrät: Was bei kreisrundem Haarausfall nicht hilft.

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